Annemarie Schwarzenbach

Eigentlich besaß sie alles, was das Herz gemeinhin begehrt: Jugend, Reichtum und Schönheit. Und doch war sie alles andere als glücklich: Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1952 in Sils/Engadin), Schriftstellerin und Journalistin. Einen „verödeten Engel“ nannte Thomas Mann sie in seinem Tagebuch.

Zu Lebzeiten berühmt, dann in Vergessenheit geraten und erst in den 1980er Jahren wieder entdeckt, provozierte sie die Zeitgenossen. Frühreif, begabt und rebellisch, brach sie mit den gesellschaftlichen Konventionen ihres millionenschweren, chauvinistischen Schweizer Elternhauses, lehnte sich gegen die besitzergreifende Mutter auf, bekannte sich öffentlich zu ihrer Homosexualität, trug Kurzhaarschnitt und Männeranzüge, engagierte sich gemeinsam mit Klaus und Erika Mann gegen den Faschismus und machte sich als Schriftstellerin, Reise- und Fotojournalistin einen Namen.

Sie schrieb Romane, Erzählungen und politische Essays, reiste mit dem Auto nach Afghanistan und Indien, von Russland in den Iran und Irak, arbeitete in Belgisch Kongo und in den USA. Als eine der ersten ausländischen Journalistinnen prangerte sie die Rassendiskriminierung, die Ausbeutung und die sozialen Missstände der Baumwollpflücker in Amerika an und dokumentierte mit unbestechlichem Reporterblick die Lebensbedingungen afghanischer Frauen unter dem Tschador.

Die Kehrseite ihres wagemutigen und an Abenteuern reichen Lebens waren Skandale, unglückliche Lieben, Rast-, Halt- und Heimatlosigkeit. „Mein Leben zerfetzt sich mir in tausend Stücke“, schrieb die 27-Jährige an Klaus Mann. Zwischen kreativen Phasen stürzte sie immer wieder ab. Mit erst 34 Jahren starb Annemarie Schwarzenbach an den Folgen eines Fahrradunfalls. Ihr Leben als Vagabundage und ihr früher Tod machten sie zum Mythos. Anlässlich ihres 100. Geburtstags am 23. Mai 2008 suchen nun zwei Biografien und eine große Ausstellung eine neuerliche Annäherung an Leben und Werk dieser schillernden Figur der Schweizer Literatur.

Vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Kontextes rekonstruiert die französische Schwarzenbach-Übersetzerin Dominique Laure Miermont in ihrem Buch „Annemarie Schwarzenbach: Ich erhielt das Geschenk einer fürchterlichen Freiheit“ die Lebensstationen der Weltreisenden als Spiegelbild der Konflikte und Krisen, die Europa damals erschütterten. „Annemarie Schwarzenbach wollte den Horizont – wie sie sagt - berühren. Und immer suchte sie hinter dem Horizont. Was steckt dahinter? Die versprochene Erde? Sie war immer auf der Suche nach sich selbst“, so die Biografin.

Ausstellung:
„Annemarie Schwarzenbach - eine Frau zu sehen“ (19. März bis 1. Juni 2008)
Museum Strauhof, Augustinergasse 9, 8001 Zürich
Öffnungszeiten: dienstags – freitags 12 – 18 Uhr;
samstags und sonntags 10 – 18 Uhr


Neue Einblicke in das Leben der ruhelosen Reisenden gewährt Großneffe Alexis Schwarzenbach mit bisher unveröffentlichten Dokumenten, Fotos und Filmmaterial aus dem Familienarchiv in dem opulenten Bildband „Auf der Schwelle des Fremden“.
Und im Zürcher Strauhof beleuchtet die Schau „Annemarie Schwarzenbach - eine Frau zu sehen“, die Alexis Schwarzenbach kuratiert hat, das rastlose und faszinierende Leben einer Getriebenen.

1908 wird Annemarie Schwarzenbach als drittes der fünf Kinder des Großindustriellen Alfred Schwarzenbach und seiner Frau Renée Wille geboren. Auf dem herrschaftlichen Landgut Brocken oberhalb des Zürichsees wächst sie auf. Nach dem Abitur studiert sie Geschichte, Psychologie und Philosophie in Zürich und an der Sorbonne in Paris. Die Kommilitonen verlieben sich Reiheweise in die junge Frau mit der Garçonnefrisur. Sie selbst freilich weiß, „dass ich nur Frauen mit wirklicher Leidenschaft lieben kann.“ Gerade das aber macht die ohnehin schwierige Beziehung zur Mutter noch komplizierter. „Es kommt zur Krise, wenn das Mädchen plötzlich nicht mehr Rosenkavalier für die Mutter und die Geliebte der Mutter allein sein möchte, sondern sich in eine andere Frau verliebt. Dann kommen die Probleme, dann fangen sie sich an in einer Eifersuchts- und Hassliebe schon ineinander zu verzahnen, auf eine fürchterliche Art und Weise“, meint Großneffe Alexis.

Während des Studiums entstehen Annemarie Schwarzenbachs ersten größeren literarischen Arbeiten. 1930/31 lernt sie Klaus und Erika Mann kennen, mit denen sie schon bald eine enge Freundschaft verbindet. Annemarie Schwarzenbach promoviert und veröffentlicht ihren ersten Roman Freunde um Bernhard. Stets auf der Flucht vor den Zwängen daheim, übersiedelt sie nach Berlin und unternimmt 1932 mit den Mann-Geschwistern eine Venedigreise. Sie arbeitet an verschiedenen Dramen und Novellen und macht erstmals Bekanntschaft mit Morphium. Bis zu ihrem Tod sollte sie von der Droge nie wieder loskommen.

Nach der Publikation ihrer Lyrischen Novelle markiert eine Reise mit der Fotografin Marieanne Breslauer nach Spanien den Beginn ihrer Tätigkeit als Journalistin und Fotografin. Gemeinsam mit Klaus Mann gründet sie im Jahr von Hitlers Machtergreifung die antifaschistische Exilzeitschrift „Die Sammlung“. Sie unternimmt weitere Reisen und begleitet Klaus Mann nach Moskau. Der Skandal um Erika Manns politisches Kabarett „Die Pfeffermühle“ führt vorübergehend zum Bruch mit den Manns.

Annemarie Schwarzenbach (l) und Ella Maillart posieren 1939 neben ihrem Ford de luxe, mit dem sie eine Reise nach Kafiristan antreten wollen.

Im April 1935, da hatte sie einen ersten Selbstmordversuch überstanden, unternimmt sie ihre dritte Persienreise und heiratet den französischen Diplomaten Claude Clarac. Nach Depressionen, exzessivem Drogenkonsum und einem Skandal um eine ihrer lesbischen Beziehungen kehrt sie in die Schweiz zurück. Sie macht eine Entziehungskur und reist zwischen 1936 und 1938 durch die USA und das Baltikum. „Lorenz Saladin“ und diverse politische Texte erscheinen. 1939 bricht sie mit Ella Maillart nach Afghanistan und Indien auf. Sie publiziert „Das Glückliche Tal“ sowie eine Reihe journalistischer Arbeiten. In den USA trifft sie Klaus und Erika Mann wieder. Hier begegnet sie auch der jungen Schriftstellerin Carson McCullers, die sich unglücklich in sie verliebt. Nach einem Zusammenbruch und der Zwangseinweisung in die Psychiatrie wird Annemarie Schwarzenbach aus den USA ausgewiesen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Schweiz geht sie 1941 auf Reportagereise nach Afrika und arbeitet an „Das Wunder des Baums“. Bei einem Sturz vom Fahrrad zieht sie sich 1942 eine schwere Kopfverletzung zu und stirbt am 15. November an den Folgen einer falschen Behandlung. Noch am Tag ihres Todes vernichtet die Mutter gegen den testamentarischen Willen der Tochter deren sämtliche literarischen Manuskripte, Tagebücher und die Briefe der Geschwister Mann. Ein Autodafé, das die Erinnerung an die Unbequeme auslöschen soll. „Annemarie Schwarzenbach war Tabu in ihrer Familie“, sagt Dominique Laure Miermont. „Das haben mir viele Familienangehörige gesagt. Sie hätten gerne gewusst, wer diese Frau war, diese Annemarie, die 1942 gestorben ist. Kein Wort. Man hat sie verschwiegen.“

Doch das Leben dieser außergewöhnlichen Frau hat Spuren hinterlassen, die sich auf Dauer nicht ausradieren ließen. Im Jahr des hundertsten Geburtstages von Annemarie Schwarzenbach kann die Nachwelt ihnen folgen.



Quelle: daserste.de

                                                                                                                              

Bisher wurden folgende Frauen in dieser Rubrik vorgestellt:

Annemarie Schwarzenbach (Schriftstellerin)
Zu Lebzeiten berühmt, dann in Vergessenheit geraten und erst in den 1980er Jahren wieder entdeckt, provozierte die Schriftstellerin die Zeitgenossen.

Sandra Wöhe (Autorin)

Die erste Romanveröffentlichung war "Lass mich deine Pizza sein", ihr aktuelles Werk heißt "Giraffe im Nadelöhr".

Angelina Maccarone (Regisseurin)
"Ich glaube an die subversive Kraft von Humor!"

Bettina Böttinger (Journalistin, Moderatorin)
Sie engagiert sich u.a. für die AIDS-Hilfe, seit 1996 für das Mädchenhaus Köln und seit 1994 für die Frauenrechtsorganisation „medica mondiale“.

Ulrike Folkerts (Schauspielerin)
Sie ist eine der beliebtesten Tatort-Kommissarinnen und setzt sich u.a. für ein Verbot von Landminen ein.

Marija Serifovic (Sängerin)
Sie gewann den ESC 2007 und steht für lesbisches Selbstbewusstsein in Serbien.

Katrina Leskanich (Musikerin)
"Walking on Sunshine macht die Leute glücklich und das reicht für mich!“

Maren Kroymann (Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin)
Sie engagiert sich für die gesellschaftliche Anerkennung von Schwulen und Lesben.

Hella von Sinnen (Entertainerin)
Sie engagiert sich für die Homo-Ehe im Speziellen und die Emanzipationsbewegung im Allgemeinen.

Jil Sander (Modeschöpferin)
Sie erfand den "New Look" für Karrierefrauen, die seit den 1980er Jahren die Führungsetagen erobern und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Vera Int`Veen (Fernsehmoderatorin)
Sie kämpft als Kindernothilfe-Botschafterin für Mädchenrechte in aller Welt.


R
egistriere Dich hier für den kostenlosen L-CHECK-Newsletter. Damit bekommst Du regelmäßig als Erste die neuesten informationen aus der L-CHECK-Welt.

nach oben